“Wenn man nix von ihm will ist er brav”

“Wenn man nix von ihm will ist er brav”

„Wenn man nix von ihm will ist er brav“

So lautet einer der Sätze in meinem Berufs-Bullshit-Bingo. Es folgt die Verteidigung schlechten Benehmens („Wer weiß was der erlebt hat“ – Ich weiß was der NICHT erlebt hat: ERZIEHUNG.) gefolgt von Sätzen wie „Ich kann ja auch nichts dafür“ an das Pferd gerichtet (Wer hat mich denn herbestellt?) und auch Lachen, weil das schlechte Benehmen ja so süß ist.

Frage: Wann kommt es denn darauf an, dass sich das Pferd gut benimmt? Wenn man nichts von ihm will oder wenn man was will?

Was sagt es denn aus wenn das Pferd aufhört brav zu sein sobald man etwas von ihm will? Überlegen wir doch mal wie es in der Pferdeherde aussieht. Darf der Rangnierdige dem Ranghöheren sagen „ne das will ich jetzt nicht was du von mir willst, geh weg, ich drohe dir“? Ganz bestimmt nicht!

In der Herde hängt das Überleben von einer klaren Rangordnung ab. Wenn es heißt Flucht dann sagt nicht Nr. 26 „ne, passt mir grad nicht, da schau ich erst selbst mal nach“. Auch spielt Nr. 1 nicht mit Nr. 26. Die 25 spielt mit 26 um nämlich zu klären ob die Folge noch stimmt oder geändert werden sollte. Lassen wir uns also auf Spielchen mit unserem Pferd ein begeben wir uns auf die gleiche Ebene. Und lassen wir dies zu und erkennen nicht die Anfänge, in denen wir die Situation unspektakulär klären könnten, schrumpft unsere Komfortzone schnell. Wir können das Pferd dann nicht mehr dem Tierarzt vorstellen und behandeln lassen, nicht mehr den einen Weg reiten, vielleicht auch nicht mehr Satteln usw.

Das Bestreben, mit dem Pferd befreundet zu sein, lässt die Menschen ihren Rang aufgeben. Wir haben immer mehr Ausbildungs-„Methoden“ aber immer weniger gut erzogene Pferde. Da höre ich „das muss man ignorieren“, „erst wenn es heftig ist dann muss man einmal richtig durchgreifen“. Was aber fehlt ist die Fähigkeit das Verhalten des Pferdes aus Pferdesicht zu erkennen und Grenzen zu setzen.

„Ja am Kopf mag er nicht angefasst werden“ ist eine weitere Überzeugung. Wer darf denn wen „anfassen“ in der Herde? Selbstverständlich wird der Ranghohe sagen, was er nicht will. Der Rangniedrige muss sich aber fügen. Erklären wir also unserem Pferd „ich fasse Dich an wann ich will und wo ich will“ und lasse los wenn das Pferd geduldig mitmacht haben wir nicht nur ein händelbares Pferd sondern auch eine geklärte Rangordnung.

Unser Pferd wird unser bester Partner wenn wir es wie ein Pferd, nicht wie einen Menschen behandeln.

Back to basics

Back to basics

Back to basics

Interessante Situation. Ich werde gebeten eine Reitstunde zu geben. Grund: Das Pferd ist unaufmerksam und unstet in der Anlehnung vor allem in den Übergängen. Und reagiert nicht wirklich auf Hilfen.

Zum Schluss der gemeinsamen Unterrichtseinheit ist das Pferd aufmerksam, dehnt sich konstant zur Hand hin auch in den Übergängen, kaut und hat Schäumchen an den Lippen, schnaubt immer wieder ausgiebig ab und hat einen losgelassenen taktklaren Gang mit schön sichtbarem An- und Abspannen der Bewegungsmuskulatur, der Schweif wird ruhig getragen.

„Wird das Pferd denn nicht sauer durch diese Art des Reitens?“ werde ich gefragt und verstehe die Frage nicht. Das Pferd steht an den Hilfen und zeigt alle Anzeichen der Losgelassenheit und die Reiterin zweifelt an, etwas Gutes erreicht zu haben?

Dies ist leider kein Einzelfall und mir wiederholt passiert, weswegen ich es aufschreibe.

„Ich möchte dem Pferd nicht meinen Willen aufzwingen“ oder „Ich habe Angst etwas falsch zu machen deswegen mache ich weniger“ höre ich dann.

Leider ist das Erlernen der Basis aktuell nicht „in“. Reiten höherer Lektionen oder das Ausüben von Kunst bevor man das Handwerk erlernt hat sind der Trend. Aber ohne die Basis kann der Reiter nicht wissen, wonach er sucht. Und ohne auf die Bedürfnisse des Pferdes einzugehen – nämlich die der klaren Führung – entsteht kein Vertrauen und keine Losgelassenheit. Ohne zu erkennen, was erwünscht und was unerwünscht ist, kann der Reiter nicht rechtzeitig das gewünschte Verhalten beloben und fördern. Und ohne Übung und Wiederholung unter Anleitung wird sich das Gefühl und der Blick für das Gewünschte nicht schulen.

Auch wenn es gerade „in“ ist über die FN zu schimpfen: Die theoretische Auflistung der Zeichen der Losgelassenheit sind Bestandteil des Lehrstoffes für das kleine Reitabzeichen! Ebenfalls das Wissen wie man korrekt ein Reithalfter verschnallt. Auch wie man eine Vorhandswendung reitet und was das überhaupt ist. Denn ohne das Verständnis für eine vorwärts-seitwärts treibende Hilfe wird das nichts mit den Seitengängen.

Das auf den ersten Blick „Weniger“ ist bei genauerem Hinsehen „Mehr“ wenn man die Qualität erkennt mit dem Pferd wirklich in Kontakt zu sein.

Und die FN Richtlinien Band 1 sollte doch nun wirklich jeder Reiter mal gelesen haben…